Briefe und Texte


Inspirierende Briefe und Texte
aus dem Unpersönlichen





Wo bleibst du - in der Erkenntnis, dass alles von selbst geschieht?

  

Zu erkennen, dass alles von selbst geschieht, lässt den vermeintlichen Akteur überhaupt erst mal fühlbar werden.

Es wird sichtbar, dass sich da jemand eben noch im Bühnenlicht bewegt hat und mit dieser Erkenntnis – dass alles von selbst geschieht – direkt klar wird, dass dieser Jemand sich einfach nur ‘davor’ geschoben hat, dass also eine natürliche, selbstverständliche Bewegung von diesem Akteur überlagert wird.

 

Beim Verweilen in dieser Klarheit wird schnell erkennbar, in welchem wirklich unglaublichen Ausmaß diese Überlagerung des natürlichen Geschehens stattfindet.

Mit beharrlicher, offener Zuwendung dringt durch diesen dicht gewebten Mantel immer mehr Licht, bringt die unwirkliche Szenerie zum Vorschein und lässt die eben noch scheinbar herrschende  Illusion sich mehr und mehr auflösen.

 

Diese substanzlose, sich jetzt auflösende Illusion hieß bis gerade eben ‘ich’.

Dieses illusorische ‘ich’ ist das: ‘Wo bleibst du ?‘ in der Ausgangsfrage und … bleiben tut es nirgends. Es hat schlicht keine wirkliche Substanz, es ist eine Idee, aber nicht das was es vorgibt zu sein.

Es hat mit dem was ich wirklich bin nichts zu tun, es erscheint wie jeder andere Gedanke, wie jedes andere Ding auch. Gedanken, Ideen, Konzepte sind alles Objekte, die sich im grenzenlosen Bewusstsein zeigen und wieder vergehen.

 

In der Frische des Moments existiert kein Gestern oder Morgen. Aus diesem Gewahrsein geschieht alles von selbst und 
                               ist alles gut.

 

 

                                                                                                                                                   



Was ist real?


Sinken, in mich hinein. Müheloses, anstrengungsloses Fallenlassen.
Fühlen, was mein Körper festhält.

Spannungen, Schmerz, Anstrengung.
Beobachten, Veränderung zulassend.
Wahrnehmen, die Körperlichkeit überschreitend, den sich öffnenden Raum.

Weite, befreiende Weite, grenzenlose Ausdehnung.
Gedanken tauchen auf, mitgenommene Eindrücke,
Bilder, Gefühle ziehen mich zurück in die Geschichte meines Lebens,
weg aus dem Jetzt, ins Gewesene,
weg aus dem Jetzt, in ein vorgestelltes Morgen.


Ich folge den Vorstellungen, spiele damit, baue sie aus,
genieße die Bühne.
Ich spüre aber die Enge, die Beschränktheit,
erkenne und lasse sie los,
werde wie hineinkatapultiert in die unbegrenzte Weite des Jetzt,
absolute Offenheit, kein Richtig oder Falsch, Gut oder Böse,
urteilslos, wissenslos.
Nur Staunen.
Reine Präsenz
Reines Sein

Und das fühlt sich bedingungslos real an.
...... und mein Herz füllt sich mit Freude.




     ✩                  



Was ist real?


Eine kurze Frage und die gesamte Menschheit geht Jahrtausende lang auf die Suche.

Ich eingeschlossen. Schon im Philosophieunterricht war ich angezogen von Fragen wie „Was ist wirklich, was Täuschung und was Traum“? oder wie Paul Watzlawick es formulierte: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“?

Eine lange philosophische Suche und ich kann mich bis heute an keine klare Antwort erinnern.

Was, wenn es keine Antwort darauf gibt?

Heute gehe ich mit der Frage schlafen.

Mit geschlossenen Augen spreche ich leise: „Was ist real“? Ungewollt lange zieht sich „real“ synchron mit meiner Ausatmung hin und lässt den Körper sinken. Völlig überrascht wiederhole ich die Frage, immer wieder

wie ein Mantra. Ich genieße die Entspannung, die sich im Körper breit macht, die Leere im Kopf und die Verbundenheit mit dem Wort „real“. Eine Antwort auf die Frage wird unwichtig.

Im Sinken nehme ich wahr, wie der Körper allmähliche seine Grenzen verliert und die Ausdehnung ins Feinstoffliche unendlich werden lässt. Wir bleiben gemeinsam präsent und die Nacht wird zum Tor,
hinein in das, was real ist.
Mich fallenlassen in tiefes Nichtwissen und gleichzeitig aufgefangen werden in der Tiefe des Ozeans, in jedem Moment. Überwältigt von lebendiger Intensität und reiner Liebe. Mir wird bewusst, was real ist,

kann ich niemals wissen, nur erfahren.

…als offenen Raum, still und grenzenlos, der es erlaubt, mich in das aufzulösen, was ich bin.

Eine wunderbare Nacht. Ob ich schlafe oder ob ich wach bin, ist nebensächlich.

…und der Morgen: klar, frisch und lebendig, wie schon lange nicht mehr.

Real ist das was ich bin: unendliche Wahrheit und Präsenz.



✩       



„Ich habe selten so ehrliche Augen gesehen, wie die deinen es sind!“

Dies ist die Aussage eines Patienten heute Nachmittag, während er kurz und schüchtern meine linke Hand nimmt, um sie gleich wieder loszulassen.
Er, ein älterer Herr, nach Herzstillstand mit 2-maliger Intubation zur Atemunterstützung ist zusätzlich schwer an Covid 19 erkrankt. Ich, die Physiotherapeutin, voll eingepackt in grüne Corona Schutzkleidung, soll ihm helfen ins Leben zurückzufinden.
Die Frage ist nur wie? Seine Verwirrtheit und meine Verkleidung erlauben uns nicht mehr als den intensiven Blickkontakt, spontan und still. Er ist verzweifelt, ich unsicher, beide nichtwissend.
Das was uns hält ist der jetzige Moment, die alles verbindende Präsenz, umfassend und unsagbar tief.
Alles um uns herum verschwindet. Er hat nicht mehr als diesen Augenblick und ich auch nicht.

„Ehrlich“ hat er gesagt; ja, was das Jetzt betrifft hat er recht.

Aber wo liegt nun meine Unehrlichkeit mir, den anderen, dem Leben gegenüber?

Ich sehe eine Träne seine Wange hinabrollen und weiß…

…Unehrlichkeit liegt in der Leugnung dieses Moments, in der Ablehnung der Vollkommenheit des Jetzt

und in der Nicht-Akzeptanz des Augenblicks. Das Leben, so wie es ist, wie es sich in jedem Moment zeigt, ständig anders haben zu wollen, ist massiv unehrlich und lieblos. …

Unehrlichkeit liegt auch im Vermeiden der Liebe, im ständigen Zurückhalten von Liebe, die mich leben

und sterben will.

Wieder spüre ich seine zittrige Hand.

In der Intensität des Augenblicks gibt es weder ihn, noch mich, es gibt nur Präsenz in tiefer Liebe. Nichts fehlt.
Es ist nicht etwa meine Unterstützung, die sein Leiden heilen kann, sondern die gemeinsame Präsenz in Liebe,

die alles heilt, in der Erfahrung dass es nur Liebe gibt.

Liebe und Vollkommenheit in allem und in jedem Moment: lass es mich wahrhaben.

Ich spüre eine Träne auf meiner Wange und so erfüllt wie erstaunt, genieße ich unseren synchronen Atem.

                                                      

                                                                        ✩    

                                                                                          

 

Traurigkeit führt mich im Moment zu meiner Menschlichkeit zurück. Es ist wie eine Flutwelle, die

mein Schutzsystem überflutet und meine Zerbrechlichkeit, meine Schwäche offenbart. Sie zeigt mir,

was ich nicht bin. Sie zeigt mir, was ich glaube zu sein. Es gibt keine Übereinstimmung zwischen dem,

was ich glaube zu sein, und dem, was ich in der Intimität meines Seins erlebe. Sie stigmatisiert das

Vergängliche, bringt mich zur Bedeutungslosigkeit meiner Person und meines Körpers zurück. Sie

konfrontiert mich mit dem Unausweichlichen: sterben, verschwinden. Sie offenbart die Schwäche

und Eitelkeit meines Willens und meiner Macht.
In der Traurigkeit liegt eine Nostalgie über…“ ich weiß nicht was“. Diese Traurigkeit mit dem Duft der Unendlichkeit steigt in mir auf und erschüttert mich. Alles was ich dann tun kann, ist mich hinsitzen und weinen, hilflos, machtlos.
Meine Illusionen lösen sich in ihr auf. Die Traurigkeit bringt mich zurück zur Intimität, zur Aufmerksamkeit für mich selbst. Wenn ich es schaffe, die Widersprüche, die Turbulenzen und den Lärm der Welt zu

akzeptieren, ohne mich an irgendetwas, an keinem Gedanken, an keinem Gegenstand zu binden, ohne

mich von ihrem höllischen Wirbelwind mitreißen zu lassen, dann habe ich nur einen Wunsch : zum

Selbst zurückzukehren, zum Schweigen, zum Auge des Wirbelsturms. Im Sturm allein und

schweigend bleiben.
Die Langsamkeit dessen, was unabwendbar mit Ausdauer und Beharrlichkeit seinen Weg durch mich bahnt,
zu akzeptieren und ihr zu folgen. Ohne vor den Turbulenzen fliehen zu wollen, immer wieder das was geschieht, nicht als Todesopfer, sondern als Einladung immer tiefer zu gehen aufzunehmen.
Ohne mich abzulenken und ohne zu wissen wohin es geht. Woraus besteht dieser Wirbelsturm?
Die Angst vor dem Sterben führt die Welt. Der Angst vor dem Sterben kann ich nur versuchen,
ins Gesicht zu schauen. Ich kann nur versuchen, der Angst vor dem Tod ins Gesicht zu

schauen. Und ein Teil von mir bittet um einen Waffenstillstand, bittet um Gnade, wohl wissend, dass

der Tod unvermeidlich ist. Jeder Gedanke, jedes Objekt tarnt diese Realität.
Angst hält den Tod nicht auf.

Angst ist eine Kontraktion, die mich von der Intensität des Lebens wegnimmt. Ich kann dem Tod nicht

entkommen. Und der Tod bringt mich ins Nichtwissen, ins Unbekannte zurück. Die Traurigkeit saugt

mich ohne Selbstgefälligkeit tief in mich auf, unermesslich, grenzenlos. Sie führt mich und bringt mich

jenseits der Dualität zu mir selbst. Es gibt ein Jenseits der Traurigkeit. Sie öffnet in mir einen Riss im

Schleier der Trennung. Durch diesen Riss werde ich von der überwältigenden Äußerung der Liebe

ergriffen. Indem ich mich mit dem Körper identifiziere, nehme ich nur ein flüchtiges Objekt in einem

von Objekten gefüllten Raum war. Dieser Glaube, dass ich ein Objekt bin, erzeugt eine Konzentration

auf das Objekt, eine Spannung und die Angst dieses Objekt zu verlieren. Wer sieht das?
Es gibt einen Zeugen, der von einem Zentrum aus sieht. Dieses Zentrum wird in der Stillen Einsamkeit

wahrgenommen. Diese Stille Einsamkeit ist Präsenz zu dem was ist. Diese Präsenz manifestiert sich

mehr und mehr, und das «ich», das sich mit dem Körper, mit den Gedanken identifiziert,... wird

identifizierbarer. Das Leben ist kreativ, in ihm erscheint jede Handlung, jeder Gegenstand, jeder

Gedanke in einer Vielfalt von Formen, mit denen ich mich illusorisch identifizieren kann. Der Tod

bringt mich zur Unwissenheit zurück. Dieses Nicht-Wissen manifestiert sich in den Zwischenräumen

eines Raumes, den die Fülle der Objekte nicht vollständig ausfüllen kann. Der Tod erscheint mir als

eine Tür zum Unbekannten, Unerschaffenen. In dieser Wahrnehmung sind Leben und Tod eins.

 

                                                                                            


Erforschen möchte ich das, was für andere an mir offensichtlich ist, für mich aber erst spürbar und sichtbar wird: mein Relativieren, Schönreden, Ausgleichen.

Und das hat erst mal nicht mit meinem Gegenüber zu tun, sondern nur mit mir und meinem Inneren. Was möchte ich geheim halten?  Möchte ich gut ankommen beim anderen, traue ich mich nicht, für mich einzustehen?

Da scheinen wirklich viele Schichten von scheinbarem Selbstschutz darüber zu liegen. Schutz vor angeblicher Verletzung, Vertrauens- und Liebesentzug, vor Ausgestoßen-sein, erst einmal nicht erkennbar für mich und meine Reaktionen, wie ein Automatismus funktionierend.  Und dann wirklich weiter zu forschen ohne in Verurteilung über meine „Blödheit“ abzugleiten, abzublocken oder in den Rückzug zu gehen, ist die Herausforderung. Wach zu bleiben im Moment und zu sehen, wie dieser Mechanismus wieder greift und wahrzunehmen,  was er mit mir macht.

Mich zu öffnen kann vielleicht bewirken, dass mein Gegenüber sich auch öffnet für das, was ich an ihm sehe und ihm mitteilen möchte. Vielleicht aber auch nicht. Heißt das dann aber auch, dass ich meinem Gegenüber immer sagen muss, was ich an ihm als unwahr empfinde, auch wenn er es nicht hören will? Bin ich dann noch bei mir? Manchmal ist mir bewusst, dass ich dominieren will, Recht haben will in einer Auseinandersetzung und oft ist da schon wieder ein Mich- selbst-Zurücknehmen, ein Schützen-wollen eingebaut, bevor ich überhaupt wissen kann, wie mein Gegenüber reagieren wird: Stinksauer oder dankbar für den Hinweis?

Für mich erscheint das als eine Gratwanderung, doch eigentlich geht es doch nur um authentischen, ehrlichen Ausdruck.

Dann auch das: zu sehen, dass alles, was gerade geschieht im Außen, auch Ungerechtigkeiten, Ignoranz, Krankheit, Krieg, nicht von mir beurteilt werden muss, weil es weder  richtig noch falsch ist, sondern dadurch, dass es geschieht, einfach zur Wahrheit wird? Dass es also kein „entweder oder“ gibt, sondern nur ein „sowohl als auch“?

Wenn ich nur ehrlich bin, mich zeige mit all meinen Ängsten, Unzulänglichkeiten, Mängeln, Fehlern, bereit bin meinen tiefsten Schmerz offenzulegen, keine Maske mehr als Selbstschutz trage, auch die Unsicherheit dabei aushalte, bin ich mir gegenüber wahrhaftig und somit auch meinem Gegenüber. Jetzt weicht mein Schutzpanzer auf und wird überflüssig. Das heißt aber nicht, dass all meine „Eigenheiten“ verschwunden sind. Dieses Erkennen meiner selbst, jeder kleine Schritt zu mir,  ist Bewegung und bedeutet Freude. Es entsteht tiefe Öffnung  und Kontakt zu mir selbst und zum anderen und tiefe Verbundenheit zum wirklichen Leben.  

                  

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